Geschichte der Mindener Kreisbahnen

Die Mindener Kreisbahnen (MKB) wurden wie nahezu alle anderen Klein -und Privatbahnen im Deutschland des ausgehenden 19.Jahrhunderts projektiert und erbaut, um in den abseits der Staatseisenbahnlinien gelegenen Regionen der deutschen Provinzen und Länder der örtlichen Landwirtschaft, dem Kleingewerbe, der aufkommenden Industrie außerhalb der großen Ballungsräume und den Rohstoffindustrien (Kohle, Erze, Steine etc.) günstigere Transport -und Absatzbedingungen zu vermitteln . 

Dadurch konnten die Waren und Produkte schneller und billiger transportiert werden, was den Absatz deutlich steigerte und andererseits alle Waren und Güter, die in Stadt und Land benötigt wurden, wie Kohlen und Dünger, Industriewaren oder landwirtschaftliche Produkte billiger und bequemer bezogen werden.

Initiator und Erbauer der Mindener Kreisbahnen war der Kreis Minden unter finanzieller Beteiligung von Provinz und preußischem Staat entsprechend den Bestimmungen des preußischen Kleinbahngesetztes vom 28.Juli 1892.

Am 04. Dezember 1898 war es soweit: die erste meterspurige Kleinbahnstrecke von Minden nach Uchte über Petershagen und Kreuzkrug wurde eröffnet (29 km). In den folgenden Jahren wurden die weiteren Schmalspurstrecken, die die Kreisstadt und zugleich Sitz der früheren preußischen Provinz Minden mit den Dörfern im nördlichen und westlichen Kreisgebiet verbanden, erbaut : am 01.März 1903 wurde der erste Abschnitt der Strecke nach Lübbecke von Minden-Oberstadt bis Eickhorst in Betrieb genommen, der Restabschnitt folgte am 01.Juli 1907 (29 km). Als dritte Strecke eröffnete die MKB am 01.August 1915 die Strecke von Kutenhausen (Abzweig von der Uchter Strecke) nach Wegholm. Diese Strecke (10 km) sollte ursprünglich bis nach Rahden im Nachbarkreis Lübbecke führen, endete aber an der Kreisgrenze in der unbedeutenden Bauernschaft Wegholm, da zwischenzeitlich die Preußische Staatsbahn die Nebenstrecke Rahden-Uchte-Nienburg eröffnet hatte.

Als letzte Strecke eröffnete die MKB im Jahre 1918, zum Ende des1.Weltkrieges die sogenannte "Erzbahn" von Minden nach Nammen zur dortigen Erzgrube, das Kohlebergwerk Meißen wurde ebenfalls angeschlossen. Erst 1921 wurde diese Strecke bis Kleinenbremen verlängert (Gesamtlänge 12 km). Die geplante Weiterführung der Strecke bis Rinteln kam nicht zustande. Übrigens war die Region nördlich des Weser -und Wiehengebirges im Kreis Minden bis Ende der Fünfziger Jahre das nördlichste deutsche Kohlerevier. Hätten Sie das gewusst ? Zeitgleich mit diesen Strecken errichtete die MKB im Stadt -und Hafengebiet zahlreiche Fabrikanschlüsse, die z.T. bereits mit Normalspurgleis ausgestattet waren. Zur Zeit der größten Ausdehnung umfasste das MKB-Streckennetz rund 83 km.

Die ursprünglichen Schmalspurstrecken wurden seit Mitte der 1920er-Jahre nach und nach auf die Normalspur umgebaut, um das kostenintensive und zeitraubende Umladen aller Güter zu vermeiden. Als erste Strecke wurde die "Erzbahn" nach Kleinenbremen in ganzer Länge umgebaut. Die wichtigsten Anschließer im Bereich der Stadt Minden, in Meißen und Heisterholz waren bis Ende der zwanziger Jahre mittels einer dritten Schiene an das Normalspurnetz angeschlossen. Dies diente jedoch in erster Linie dem Güterverkehr, der Personenverkehr wurde weiterhin auf dem Schmalspurgleis abgewickelt. Die übrigen Strecken wurden erst in den Jahren 1949 - 1957 vollständig umgespurt.

Leider hat das Kleinbahnsterben auch die MKB nicht verschont. Schon recht früh stellt die MKB auf Omnibusverkehr um. Bereits 1959 endete auf der Wegholmer Strecke der Personenverkehr . Auf den übrigen Strecken wurde der Personenverkehr zwischen 1962 (Kleinenbremen) und 1974 (Hille und Petershagen) eingestellt. Bereits seit den zwanziger Jahren des 20.Jh setzte die MKB im Personenverkehr die ersten Triebwagen ein, das Ende des Dampfbetriebes erfolgt durch die rasche Anschaffung zahlreicher gebraucht erworbenen wie auch fabrikneuer Diesellokomotiven bis 1970. Leider ist von den MKB-Dampflokomotiven keine der Nachwelt erhalten geblieben, während von den Dieseltriebwagen-und Loks im In-und Ausland noch mehrere bis heute überlebt haben, wenn auch größtenteils nicht mehr in Betrieb.

 

Auch der Abbau der Bahnlinien erfolgte bereits auf weiten Strecken in den siebziger Jahren . Zuerst wurde der Abschnitt nach Wegholm abgebaut und in einen Rad-und Wanderweg umgewandelt (1976) (übrigens ein heißer Tipp für eine wunderschöne Fahrradtour), es folgten der Streckenabschnitt Lübbecke- Hille Hafen (1972 stillgelegt) und Ende der Siebziger Jahre der Abschnitt Uchte - Kreuzkrug (1977) und wenige Jahre später der Rückbau bis Todtenhausen (1979). Das Netz der MKB umfasst somit seit fast 20 Jahren neben den Hafen -und Industrieanschlüssen in Minden nur noch die Strecken nach Kleinenbremen (diente über viele Jahre bis 2008 nur noch dem Sonderzugverkehr zum Besucherbergwerk), Todtenhausen (Betrieb Ende 1999 aus technischen Gründen eingestellt, 2003 stillgelegt) sowie nach Hille-Hafen.

Auf diesem Abschnitt wurde zwischen 1998 und 2001 Kraftwerkskohle zum Gemeinschaftskraftwerk nach Veltheim gefahren. In Hille vom Binnenschiff auf die Bahn umgeladen, transportierte die MKB werktäglich einen Ganzzug mit Importkohle über die DB-Strecke Minden-Löhne-Veltheim. Im August 2001 endete jedoch dieser Verkehr schon wieder. Seitdem beförderte die MKB die Kohle direkt vom Midgard-Hafen Nordenham zum Kraftwerk Veltheim. Auf dem Stammnetz verblieb nur noch der innerstädtische Anschlussverkehr sowie eine Übergabe zum Milag -Umschlagzentrum im Hiller Hafen. Den überwiegenden Teil des Umsatzes und der Gütertonnage fährt die MKB mit ihren neuen leistungsfähigen Diesellokomotiven auf den DB-Netz ein. Neben dem Kohleverkehr werden Chemiezüge vom Hamburger Hafen nach Liebenau sowie Müll aus den Niederlanden zur Aufbereitung ins sächsische Spreewitz befördert. Jedoch sind diese Verkehre nicht von Dauer. Zuerst fallen Ende 2003 die Müllzüge weg, danach im Dezember 2005 auch der Kohleverkehr Nordenham - Veltheim.

Zunehmend Sorge bereitete der Zustand der Mindener Weserbrücke, die seit Aufnahme des Betriebes die Verbindung zum Stammnetz links der Weser bildet. Altersbedingt war sie stark sanierungsbedürftig. Allerdings stellten die enormen Kosten eine ernsthafte Belastung für die Zukunft des Schienenverkehrs links der Weser dar. Die leeren öffentlichen Kassen vor allem der Kommunen ließen eine zeitnahe Sanierung fraglich erscheinen. Der Güterverkehr zum Hafen Hille wie auch der Museumsbahnverkehr von MEM stehen Ende des Jahres 2002 auf des Messers Schneide.

Jedoch gelingt es dem Kreis Minden- Lübbecke und der Gemeinde Hille im Herbst 2003 die nicht durch Landeszuschüsse gedeckten Mittel für die Sanierung der Weserbrücke aufzubringen, so dass im Jahre 2004 mit der schrittweisen Rekonstruktion begonnen werden kann und die Zukunft des Bahnbetriebes gesichert erscheint. Zuerst werden in Herbst 2004 die östlichen Vorflutbrücken ersetzt, im Sommer 2005 erfolgt die Grundinstandsetzung der eigentlichen Weserquerung, so dass nunmehr der Verkehr für die nächsten Jahre gesichert ist. Weiterhin gelingt es der MKB den internen Verkehr der Firma Berentzen vom Produktionsstandort Hahlen zum neuen Auslieferungslager Stadthagen auf die Schiene zu holen. Zu diesem Zweck wird eine neues Anschlußgleis in Hahlen errichtet, das seit Herbst 2006 mehrmals täglich bedient wird und somit der Hiller Strecke eine neue Perspektive bietet. Im April 2008 wird auch der Güterverkehr von der Grube Nammen (Schotterverladung) wieder aufgenommen. 

Nachdem das Teilstück Minden=Oberstadt - Todtenhausen bereits zur Jahrtausendwende seinen letzten Verkehr verloren hat und aus technischen Gründen gesperrt wird, beginnt im Frühjahr 2010 der Abbau des letzten Abschnitts der einstigen Kleinbahnstrecke nach Uchte. Die gesetzlich vorgeschriebene Ausschreibung zur Übernahme blieb ohne Ergebnis, eine Reaktivierung scheidet mangels Verkehrsbedürfnis aus. Am 02.06.2010 ist der Rückbau bis auf wenige Restarbeiten beendet, das werthaltige Schienenmaterial zur Verschrottung per LKW abgefahren. Große Schwellenstapel an mehreren Stellen entlang der Strecke erinnern kurzfristig noch an die 112-jährige Geschichte der ersten Kleinbahnverbindung. Über die Nachnutzung der Trasse ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden. 

(zusammengestellt von Klaus Görs)

Weiterführende Literatur

Gerd Wolff : Deutsche Klein-und Privatbahnen, Bände 2 und 3, Verlag Wolfgang Zeunert, Gifhorn

Ingrid und Werner Schütte : Die Mindener Kreisbahnen , Verlag Uhle & Kleimann, Lübbecke

Hans Schweinefuß , Bernhard Uhle : Die Wittlager Kreisbahn , Verlag Uhle & Kleimann, Lübbecke